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Wegweiser

Zweifeln erlaubt?

Dieser Predigerblues! Ich habe gestern meine Predigt zum Thema Erziehung, unter besonderer Berücksichtigung der Gefahren durch Pornografie, gehalten und irgendwie erhofft sich vielleicht jeder Prediger mal eine sofortige und heftige Reaktion. Aber irgendwie sind sowohl deutsche als auch russlanddeutsche Menschen da wohl sehr zurückhaltend. Dann frag ich mich immer wieder: war das wirklich das Wort Gottes? War ich zu hart, zu weich? Sind die Menschen alle verstockt? Wie würde ich denn selbst auf eine solche Predigt reagieren, wenn sie mich im Innersten träfe und mich vielleicht sogar zum ersten Mal auf einen wunden Punkt in meinem Leben aufmerksam machen würde?

Wäre ich dankbar? Für den Prediger? Die Predigt? Oder gar Gott? Oder würde sich alles in mir sträuben und ich die Lehre erst einmal ablehnen? Wie lange müsste so ein Wort wohl nachwirken, bis es wirklich mein Herz erreicht und ich zur Umkehr bereit wäre? Wann würde ich, auch wenn ich um diesen wunden Punkt bereits wüsste und mitten in den Kämpfen stünde, mir Hilfe von Geschwistern oder den Ältesten holen? Wie lange würden mich Stolz und/oder Scham hier davon abhalten, Gottes Hilfe und die Seines Bodenpersonals zu suchen?

Die Aussaat ist manchmal so frustrierend und doch kann ich mich nur in das Gebet flüchten und Gott darum bitten, dass Seine Saat aufgeht. Heute, Morgen, in einer Woche, nächstes Jahr, irgendwann – zu Seiner Zeit.

Es geht schließlich nicht um mich. Wenn ich guten Gewissens die Wahrheit verkünde, habe ich mir für die Wirkung des Wortes nichts vorzuwerfen, egal, was dann passiert. Genauso könnten auch faule Tomaten und Eier fliegen – das würde nichts an der Wahrheit ändern, aber vielleicht meine Motivation mehr niederdrücken als diese Nichtreaktion.

Doch wie ist es nun, wenn in einer Dienstgruppe Menschen zusammenkommen und z. B. dafür arbeiten, dass Eheleute und Familien mit passenden Angeboten versorgt werden? Wenn auch in diesem Team Hilfesuchende sind, die aber dennoch keine Hilfe finden? Wie werden solche Leute ‚aktiviert‘ – ermutigt, den ‚Mund aufzumachen‘? Herrscht denn etwa keine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen Christen? Oder übermannt uns doch immer wieder die Menschenangst? Ist uns die Meinung anderer wichtiger als die Meinung Gottes über uns? Wie gelingt es dem Einzelnen, dieses Vertrauen aufzubauen? Sehen die anderen im Team die Not? Sind sie dafür sensibilisiert?

Als wir das erste Treffen zum Thema Ehearbeit hatten, hatte ich bereits das Thema Seelsorge angesprochen. Was sollten denn die Ziele dieser Arbeit sein? Geschwister mit Informationen versorgen, Vertrauen schaffen, Problembewusstsein schaffen, Austausch bis hin zur Seelsorge. Damals spürte ich schon einen Widerstand gegen diese Form der ‚Selbstaufgabe‘ – dieses Herausgehens aus sich selbst. „Soll ich mich etwa vor den anderen so sehr entblößen?“ Ja, das sollst du! Denn du hast immer Gott auf deiner Seite. Entweder erntest du Verständnis und erhältst Hilfe oder du erntest Kopfschütteln und Unverständnis. Im ersten Fall handeln deine Geschwister richtig, im zweiten falsch, denn sie verletzen damit ihre Pflicht, die die Schrift ihnen auferlegt. Wir sollen einander auferbauen und ermahnen. Nicht nur in den manchmal doch recht abstrakten Glaubensgrundsätzen, sondern in den Alltag hinein, bei den kleinen Dingen.

Mein Kind wird nicht trocken. Mein Sohn kann noch nicht so gut lesen. Ich habe Probleme mit meiner Leiterschaft. Ich habe Probleme mit Wut und Zorn. Ich schaffe den Haushalt nicht. Ich fühle mich so alleine.

Das sind doch alles normale und alltägliche Dinge. Wieso können wir die nicht in der Gruppe besprechen? Was ist unsere Angst? Wir müssen nicht stark voreinander sein, sondern holen doch unsere gesamte Stärke von Gott. Wir müssen nicht in allem perfekt sein, weil wir denken, die anderen sind es doch auch. Nein. Viel zu oft tragen wir die Maske der Perfektion. Da geht man in einen Gottesdienst, singt mit, hört aufmerksam die Predigt. Dann kommt man nach Hause und möchte am liebsten los heulen, weil einen wieder niemand angesprochen hat, weil einen wieder niemand gegrüßt hat, weil alle einfach weggucken. Was ist denn das für ein Miteinander?

Ich gebe zu, dass auch ich mich hier schuldig mache. Allzuoft schließe ich aus den Gesichtern meiner Geschwister ein Desinteresse an mir und exakt das gebe ich dann auch zurück. Ich kann das sehr gut. Mein Stolz verführt mich immer wieder dazu. Guckst du nicht, grüß ich dich nicht. Basta! – Wie blöd! Was vergebe ich mir denn? Und vor allem, gegen welchen Segen sperre ich mich hier? Vielleicht würde ich nur ein Lächeln ernten. Vielleicht rette ich aber durch mein Lächeln und meinen Händedruck einem anderen Menschen den Tag. Zumindest diesen einen.

ICH BIN NICHT BESSER ALS DIE ANDEREN! Und noch besser: die anderen sind nicht besser als ich. (Das befeuert wiederum meinen Stolz …) Wir sind alle Sünder. Oh, wie oft hören wir das und denken uns: jaja, so ist es. Aber was bedeutet das? Wir SIND durch und durch verdorbene Menschen, die aus absolut unverdienter Gnade zum ewigen Leben gerettet sind. Doch statt darüber in lauteren Jubel auszubrechen, ackern wir im Reich Gottes, als wollten wir uns noch ein Krönchen dazuverdienen, eine Schuld abtragen oder dem Herrn etwas Besseres präsentieren.

Das ist doch Quatsch! Gott liebt uns bedingungslos! Was heißt das? Es gibt nichts, aber auch gar nichts, mit dem wir die Liebe Gottes zu uns vergrößern könnten. Es gibt nichts, absolut nichts, was wir Ihm besser machen könnten als Er es geschaffen hat. Da ist nichts, wirklich gar nichts, was wir tun könnten, um Seine Gnade zu erweitern. Statt uns um uns selbst zu sorgen – was, nebenbei bemerkt, allein Gottes Sache ist – sollten wir uns doch um die anderen kümmern. Liebe Gott – oh wie einfach – und liebe deinen Nächsten – oh, schwer – wie dich selbst. Unsere Selbstliebe brauchen wir nicht zu pflegen, davon haben wir mehr als genug. Stattdessen sollen wir sie opfern und uns von Gottes Liebe bedienen, um sie weiterzugeben an andere. Denn dazu sind wir berufen. Wir, die untauglichen, starrsinnigen, hochmütigen, gefallenen Kinder Gottes, die allein Er aufheben kann, die allein Er stärken kann, denen allein Er eine wirklich echte, reale Hoffnung geben kann – nämlich die Ewigkeit erworben durch die Vergebung ALLER Sünden.

Preist den Herrn!

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