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Das geknickte Rohr

In Jesaja 42,3 finden wir die Worte „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen“. Diese Worte werden in Matthäus 12, 20 wiederholt: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen“.

Von Was ist hier die Rede? Jesaja durfte in einer wunderbaren prophetischen Schau sehen, was der Herr viele Jahrhunderte später vorhatte: Seinen Sohn wollte Er der Welt schicken, damit Er sammeln sollte, was verloren war. Zur Zeit Jesajas (um 700 vor Christus) war Israel noch weit entfernt von der Wegführung in das babylonische Reich. Und doch war der Abfall bereits so groß, dass Jesaja schon zu Beginn seines Dienstes wusste, dass all sein Reden vergeblich war (Jesaja 6,9-13). Israel hatte also dringend einen Retter nötig. Und obwohl niemand auf einen Propheten hören wollte und Gott allen Grund gehabt hätte, schon jetzt das Gericht der Wegführung über Israel kommen zu lassen, ließ Er Jesaja auch Worte des Trostes verkünden. Eines dieser Worte ist eben jenes: „Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen“.

Für Israel bedeutete das, wenn es denn hätte hören und sehen wollen, dass auch im angedrohten Gericht Gottes immer noch Hoffnung für das Volk bestand. Doch was bedeutet es für uns heute, für jeden Einzelnen?

Das Schilfrohr ist einem Bambus nicht unähnlich. Wir kennen es vielleicht aus dem Baumarkt, wo Schilfrohrmatten als Sichtschutz oder auch Dämmmaterial angeboten werden. Das Rohr an sich ist mechanisch nicht stark belastbar, es bricht sehr leicht. Daher ist es ein guter Vergleich zu uns Menschen. Geistlich gesehen sind auch wir nur gering belastbar. Insbesondere Christen, die sich am Anfang ihres Glaubens befinden oder die ständig von Zweifeln geplagt werden, sind wie solche Schilfrohre. Sie knicken leicht ein, wenn der Wind der Weltanschauungen ihnen entgegen pfeift oder wenn sie sich mit anderen, augenscheinlich geistlicheren Christen vergleichen.

Doch Christus, von Gott, dem Vater ins Amt gesetzt, damit Er „die Welt mit sich selbst versöhnte“ (2. Kor 5,19) und „die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29), ist mit dem Heiligen Geist dazu ausgestattet, sich um das geknickte Rohr zu kümmern. Eben nicht, um es zu brechen, sondern um es nicht zu zerbrechen. Mt. 11,28 macht das ebenso deutlich: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, so will ich euch erquicken!“

Wer von uns könnte den guten Gewissens behaupten, ein Baum in Christus zu sein? Wer würde sich denn als starkes, gerades Rohr bezeichnen? Bräuchte ein solcher Christ den Weinstock Christi? Psalm 1,3 sagt uns, wer das Gesetz des Herrn befolgt, „der ist wie ein Baum, gepflanzt an Wasserbächen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht, und alles, was er tut, gerät wohl.“ Aber wer hält denn schon das ganze Gesetz Christi?

Wer ist denn ohne Sünde? Und ist es nicht die Sünde, die uns ins Elend stürzt, die uns weg treibt von unserem Herrn? Die uns nach all ihren Verlockungen und Versprechungen verwirrt und geknickt zurücklässt, so dass wir uns kaum mehr in das Licht der Herrlichkeit unseres Herrn wagen? Aber immerhin erkennen wir noch, dass wir Seiner Gnade bedürftig sind. Doch in genau diese Augenblicke hinein ruft uns Jesus selbst zu: „Glückselig sind die geistlich Armen, denn ihrer

ist das Reich der Himmel!“ (Mt. 5,3). Die geistlichen Armen sind wir, wir, die wir uns nicht mehr zu Gott trauen, obwohl wir doch das Geschenk Seiner Gnade bei unserer Bekehrung einst so hoffnungsfroh angenommen haben.

Aber gehen wir einen Schritt zurück, zu dem Augenblick vor unserer Bekehrung. Da war plötzlich diese Sündenerkenntnis und die Erkenntnis, dass wir einen Retter brauchen. Da waren wir doch auch geknickt. Doch was ist dann passiert? Gott hat uns in Seiner Gnade gerettet, obwohl wir zutiefst geknickt und eigentlich hoffnungslos waren. Wir waren unten und Gott war oben, eine unüberwindbare Kluft lag zwischen uns. Doch Gott hat sich zu uns hinunter gebeugt und uns zu sich emporgehoben.

Ja, man könnte auch sagen, dass wir da gebrochen waren. Doch nicht unser Geist war durchgebrochen, sondern das, was unseren Geist daran hinderte, Gott zu erkennen: unser Stolz. Doch was müssen wir selbst nach vielen Jahren Christsein immer wieder erkennen: er ist noch da, dieser Stolz. Ist er doch nicht durchgebrochen? War auch er nur geknickt? Hätte Gott etwa kein vollständiges Werk in uns getan? Hat Er nicht den alten Menschen mit Stumpf und Stiel aus uns ausgemerzt und ins Feuer geworfen? Wer hat denn den Stolz in uns wieder aufgerichtet? Wir selbst sind es doch! Müsste Paulus uns sonst dazu aufrufen, uns in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen: „Denn so, wie ihr [einst] eure Glieder in den Dienst der Unreinheit und der Gesetzlosigkeit gestellt habt zur Gesetzlosigkeit, so stellt jetzt eure Glieder in den Dienst der Gerechtigkeit zur Heiligung.“ (Röm 6,19b)

Also sind wir wieder geknickt und werden jeden Tag aufs Neue geknickt durch unsere Sünde, unsere Sünde gegen Gott, unseren Stolz, der Gott abweist und uns selbst höher stellt als Gott.

Doch wir erkennen durch das Werk des Heiligen Geistes in uns unsere Sünden. Und wenn sie uns auch knicken, so bringt doch diesen Geknicktsein eine gute Frucht hervor: eine Liebe und Sehnsucht nach Gottes Gnade. Denn nur diese befreit uns von der Sünde.

Hat nicht David oft in den Psalmen beklagt, dass sein Fleisch verschmachtet, sein Schlaf dahin ist? Hat nicht auch Hiskia beklagt, das Gott „alle meine Gebeine zermalmen“ wird (Jes 38,13)? Hatte nicht Paulus diesen Stachel im Fleisch, damit er sich nicht erhebe (2. Kor 12,7)?

Von außen betrachtet mit den Augen des Ungläubigen sind wir eher erbarmungswürdige Menschen, wenn wir derart geknickt sind. Aber unsere starrsinnigen und widerspenstigen Herzen sind es, die den Herrn immer wieder dazu bringen, uns zu züchtigen und erneut in den Zustand des Geknicktseins zu bringen. Wir brauchen die Erinnerung an unser erstes Geknicktsein und Gottes ‚ersten‘ (von uns auch als solchen wahrgenommenen) Gnadenerweis, damit Gott Sein gutes und gnädiges Werk an uns vollbringen kann. Unser Stolz behindert Sein Werk und so muss Er unseren Stolz immer wieder niederringen. Und dass Er das tut, und weil Er es so oft und immer wieder unermüdlich tut, muss uns dankbar machen.

So manches Mal sind wir versucht, zu glauben, Christus würde uns gerne in diesem Zustand des Geknicktseins sehen und uns darin belassen. Denn was wäre hilfreicher für Ihn als ein ganz und gar geschwächter Mensch? Ist Er denn so machtlos, dass Er als Schöpfer des ganzen Rohres das Knicken eines solchen nicht heilen könnte? Wäre Er ein rechter Bräutigam, wenn Er Seine Braut dergestalt im Stich ließe? Wäre Er ein wirklich guter Hirte, wenn Er das Schaf, das sich im Zaun verfangen oder im Fels verirrt hat, einfach so belassen würde? Wäre Er ein echter Bruder, wenn Er Seine eigenen Geschwister nicht mit Trost und Wasser aus Seiner Quelle versorgen würde? Er ist doch gekommen, der Welt das Heil zu bringen. Sollte das Geknicktsein Ausdruck Seines Heils sein?

Ruft Er nicht Seine Seligpreisungen auch uns heute noch zu? Ruft Er uns nicht noch immer in Seine Arme für Trost und Geborgenheit? Ist Er nicht der Hirte, der Sein Leben für Seine Schafe gibt? Gibt, nicht nur gegeben hat. Er gibt es heute noch. Sein himmlisches Leben besteht darin, vor Gott für uns einzustehen. Er ist nicht einfach nur Mittler im Sinne von Übermittler unserer Worte. Nein, Er vermittelt weiterhin zwischen unserer Sündhaftigkeit und Gottes Zorn. Wenn Er nicht zwischen uns und Gott stünde, würde Gottes Zorn uns mit voller Härte treffen. Wir können aus uns selbst heraus nicht Seinem Gesetz genügen und sind daher angewiesen auf den, der größer ist als wir. Wenn wir nur uns selbst groß machen wollen, wenn wir Gott überragen wollen, stellen wir uns unter Seinen Zorn und Sein Gericht. Durch das Blut Christi aber sind wir eben nicht mehr Sünder in der Hand eines zornigen Gottes, sondern Kinder in den armen eines liebenden Vaters. Und welcher Vater weist sein Kind zurück, wenn es reumütig in seine Arme flieht?

Sollen wir dann nicht also zu Ihm kommen und uns Ihm ergeben?

Was uns daran hindert, vor den Thron der Gnade zu treten, ist nicht mangelnde Sündenerkenntnis, sondern mangelnde Reue. Wir wollen nicht aufgeben, was unsere Sünde hervorruft und was wir mit unserer Sünde zu erreichen versuchen. Wir wollen die Dinge aus eigener Kraft schaffen und nicht auf einen Gott angewiesen sein. Wir wollen in unserem Herzen wenigstens einen kleinen Rest für uns behalten, den wir allein nähren, den wir allen beherrschen, den wir allein kontrollieren. Doch wer ist dann wirklich der Herrscher? Ich bin es nicht, denn ich versklave mich an die Sünde und Herr der Sünde ist Satan, der uns immer wieder zuflüstert, dass wir etwas leisten müssen, um von Gott angenommen zu werden. Er sagt uns auch immer wieder, dass wir unwürdig sind vor Gott zu treten (was wahr ist) und dass Seine Gnade niemals ausreicht, um uns vor Sich treten zu lassen (was falsch ist).

„So lasst uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit erlangen und Gnade finden zu rechtzeitiger Hilfe!“ (Hebr. 4,16)

Christus ist unser Hohepriester, der Mitleid mit unseren Schwachheiten hat, denn auch Er wurde versucht, blieb jedoch ohne Sünde. Er ist der makellose Vermittler zwischen uns und Gott. Er ist es, der uns beständig ruft, selbst wenn wir uns vor Ihm verstecken wollen. Ja, das Zittern und Beben mag groß sein, die Furcht, doch unter dem Zorn zu sein, mag uns lähmen. Aber wem sollen wir denn mehr glauben: den Einflüsterungen Satans oder der vollständigen Offenbarung Gottes in Seinem Wort? Die blutflüssige Frau aus Mt 9 befand sich auch für unwürdig, Jesus vor das Angesicht zu treten. Aber warum? Hatte Jesus es ihr verboten? Gab es ein Gesetz Gottes gegen das Vortreten vor Gott? Nein, es waren menschliche Gesetze, die das göttliche Wort verdreht haben. 3. Mose 15,19 sagt „Wenn eine Frau Ausfluss hat, und zwar den Blutfluss ihres Fleisches, so soll sie sieben Tage lang in ihrer Unreinheit verbleiben; und jeder, der sie anrührt, wird unrein sein bis zum Abend.“ Mit Unreinheit wollten die Menschen damals nichts zu tun haben. Unrein werden war absolut verpönt. Die Pharisäer lehrten es an allen Ecken und Enden. Somit war die Frau ausgestoßen. Ausgestoßen aus der menschlichen Gesellschaft, denn ihr Blutfluss war dauern, seit zwölf Jahren. Doch Gott hatte sie nicht ausgestoßen. Aber aufgrund der Barriere, die die Gesetzeslehrer zwischen dem Volk und Gott aufgebaut hatten, konnte diese arme Frau nicht mehr die Gnade Gottes, die auch auf ihr lag, weil sie eine Tochter Abrahams war, sehen. Menschen, von Satan, dem Vater der Lüge, geleitet, hatten ihr den Weg versperrt. Aber sie hatte von Jesus gehört, vielleicht aus der Ferne, vielleicht hatte sie von Seinen Wundern gehört. Und sie wusste in ihrem Herzen, bei all ihrer Verzweiflung, bei all ihrer Entmutigung wegen ihrer Odyssee durch die damalige Ärzteschaft, dass es doch noch Hoffnung gab. Da war dieser Rabbi, Prophet oder was auch immer er gewesen sein mag, der Dinge tat, die niemand zuvor getan hatte. Er hatte ein Herz für Sünder und gab sich sogar mit ihnen ab. Er konnte Krankheiten heilen, an die sich damalige Ärzte und Priester nicht einmal auf Armeslänge herangetraut hätten. Und so war da Hoffnung, die sich in die Dunkelheit ihrer Verzweiflung einen Weg bahnte, wie das morgendliche Sonnenlicht in eine Höhle.

Und diese Hoffnung bestand nicht darin, den großen Herrn und Meister zu sprechen oder mit Ihm eine Zeit zu verbringen, Ihn gar für eigene Zwecke vereinnahmen zu können, sondern darin: „Wenn ich nur sein Gewand anrühre, so bin ich geheilt!“ (Mt 9,21b). Eine winzige Hoffnung auf ein großes Wunder. Ein kurzes Ausstrecken nach den äußersten Enden der irdischen Erscheinung Christi und schon wäre alles anders. Was für ein Glaube! Was für eine Hoffnung!

Diese Frau war fürwahr geknickt. Sie war ganz unten in der Gesellschaft. Sie erfuhr keine Anerkennung durch die Menschen. Doch Jesus schimmerte als kleines Licht der Hoffnung in ihr erbärmliches Leben. Schließlich stand sie auch unter dem Stigma, eine Sünderin zu sein, die Gott mit dem Blutfluss bestraft hatte. Sie war es nicht wert, von Gott angenommen zu werden. So hatte man ihr eingebleut. Also wagte sie sich nicht vor Jesus, sie wagte nicht Ihn anzurufen. Sie wollte aber wagen, Ihn heimlich zu berühren. Sie wollte nicht Seine Aufmerksamkeit, sie fühlte sich unwürdig Seiner Zuwendung. Sie wollte nur ein kleines Fitzelchen von Ihm erheischen und setzte darin ihre ganze Hoffnung.

Doch welch wundersame Wendung nahm diese Begebenheit. Die Frau führt ihr Vorhaben in die Tat um. Doch es geschieht nicht einfach ein Wunder, sondern Jesus bemerkt diese unscheinbare Frau in der Menge, Er bemerkt, wie Kraft von Ihm ausgeht. Er sucht die Ursache und schließlich fällt die Frau vor Ihm nieder. Das Wunder ist bereits geschehen, sie ist geheilt. Doch nun interessiert sich ihr Heiland auch noch für sie. Sie wirft sich vor Ihm nieder und erzählt ihr ganzes Unglück vor versammelter Mannschaft. Und dann geschieht das nächste Wunder: Jesus gibt ihr auch Frieden für ihre Seele. Welch wundersame Wandlung!

Ein winzig kleiner Hoffnungsschimmer, ein völlig geknicktes Rohr, das nur an einer dünnen Faser noch zusammen hält, wagt den Schritt nach vorn und wird nicht geknickt, sondern aufgerichtet.

Oder sehen wir die Jünger auf dem See an. Sie fürchten sich und sehen ein Gespenst über das Wasser gehen. Ist es nicht so, dass uns unser Fleisch einen anderen Jesus vormacht? Doch wie reagiert Jesus: „Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!“ (Mt. 14,27). In Jesu Gegenwart – und Jesus lebt in uns – gibt es keinerlei Grund für Angst. Das reden wir uns ein. Das wird uns eingeredet. Von Gott kommt das nicht.

Es ist doch so: Christus lässt viele solcher Verwundungen in unserem Leben zu, damit wir geknickt werden und Seiner Heilung bedürfen, die Er auch gerne gibt. Bevor wir in die Ewigkeit eintreten dürfen, werden unsere Seelen nie ganz oder fehlerfrei sein. Wo Versuchung ist, ist auch Trost. Sein Gabentisch mit aller Gnade, Barmherzigkeit, Trost und Liebe steht direkt vor unserer Nase. Wir könnten uns bedienen und all dieser Dinge habhaft werden. Aber wir lassen uns den Blick auf diese Gaben verschleiern, lassen uns die Geschenke Gottes mies machen, ja reden sie sogar selbst schlecht. Und doch, geknickt sind wir häufig, aber niemals abgerissen. Selbst im tiefsten Geknicktsein ist immer noch Hoffnung.

Durch das Geknicktsein erfahren wir ja erst, dass wir der Barmherzigkeit unseres Herrn bedürfen. Wir leiden nicht einfach, sondern erkennen im Leiden unsere Sünden und erinnern uns dann auch all der anderen Sünden, die wir je begangen haben, was die Erfahrung des Geknicktseins noch schlimmer und schmerzvoller macht. Und wir haben keinen Grund uns zu beschweren, schon gar nicht bei Gott: unsere Sünden haben uns zu diesem Geknicktsein geführt und damit liegt die Schuld allein bei uns. Nur in diesem Zustand können wir die wahre Schwere der Sünde begreifen und uns umso mehr nach Gottes Güte ausstrecken. In solchen Augenblicken ist uns das Königreich Gottes so fern, weil wir nun erst der Barmherzigkeit bedürfen, bevor wir wieder an die Ewigkeit denken können. Außerdem können wir in diesem Gefühl echtes Mitleid für unsere Geschwister entwickeln, die Ähnliches durchmachen. Wir werden achtsamer gegenüber denen, die befähigt sind, anderen Trost zu spenden.

Wenn wir nun in diesem Geknicktsein stecken, dürfen wir uns ganz demütig dem Herrn unterwerfen, weil sonst die Last der Sünde nur größer wird. Jeder Rest an Auflehnung muss aufgegeben werden, weil sonst die Hilfe Gottes nicht an ihr Ziel gelangt und er gezwungen ist, weitere Zuchtmaßnahmen anzuwenden. Die Sünde, die wir erkannt haben und die uns in diese Misere gebracht hat, muss ab sofort aus unserem Leben ausgeschlossen werden. Es darf nicht bei der Sündenerkenntnis bleiben, sondern es muss eine Scham geben, die echte Reue bewirkt, damit nach dem Bekenntnis, Hassen und Lassen der Sünde ermöglicht werden. Erst dann ist die Umkehr wirklich vollbracht. Gelangen wir nicht zu diesem Tiefstpunkt unserer eigenen Seele, erlangen wir keine echte Barmherzigkeit.

Unsere feste Überzeugung muss es sein, dass Christus und unsere Liebe zu Ihm absolute Priorität genießen müssen und Er als Erlöser absolut notwendig ist. Wir müssen uns radikal von der Sünde abwenden, gemäß den Worten unseres Herrn: „Wenn dir aber dein rechtes Auge ein Anstoß [zur Sünde] wird, so reiß es aus und wirf es von dir! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verlorengeht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. Und wenn deine rechte Hand für dich ein Anstoß [zur Sünde] wird, so haue sie ab und wirf sie von dir! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verlorengeht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird.“

Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass der Herr das geknickte Rohr schon nicht brechen wird, egal wie oft wir es knicken. Nein, wir sind nicht geknickt, wenn wir nur einfach betrübt den Kopf hängen lassen. Es muss sich um eine echte ‚Wunde‘ in unserem ‚Fleisch‘ handeln, nicht um eine Vortäuschung, die unser Stolz hervorbringt.

Und so eine echte Wunde braucht dann auch die richtige Behandlung. Brechen wir die Behandlung zu früh ab, verfehlt sie ihre Wirkung. Medizin muss bitter schmecken, damit sie wirkt. Und Sünde muss uns bitter aufstoßen, wenn wir sie einmal vollständig bereut haben.

Auch wenn wir diese Medizin dann als Strafe betrachten (was sie ja häufig auch ist), so dürfen wir uns doch nicht dazu verleiten lassen, die Strafe mehr zu hassen als die Sünde. Natürlich kann uns die Last der Sünde dann auch körperlich niederdrücken und somit tägliche Verrichtungen oder gute Gewohnheiten unmöglich machen. Doch auch wenn wir guter Gebete nicht mehr fähig sind, hat der Herr eine Lösung für uns: „Ist jemand von euch krank? Er soll die Ältesten der Gemeinde zu sich rufen lassen; und sie sollen für ihn beten.“ (Jak 5,14). Dafür sind Menschen eingesetzt, die sich von Gott dazu benutzen lassen, anderen zu helfen. Sie dürfen wir gerne jederzeit in Anspruch nehmen. Unsere Kraft ist begrenzt und zuweilen geraten wir in Zustände, wo wir nicht mehr klar denken können, geschweige denn beten. Wir sind dann kraftlos und dürfen gerne auf die Hilfe anderer zurück greifen. Hier kann es dann auch zu heftigen Klagen gegen Gott kommen, wie sie einst Hiob formulierte. Er wurde zwar von Gott als geduldiger Mensch angesehen, doch die Verluste und die Krankheit, die er durch machen musste, waren zu viel für ihn. Auch seine Freunde erwiesen sich hier absolut nicht als hilfreich. Doch er hatte noch die Kraft, Gott selbst anzurufen, der sich auch bereitwillig zu Seinem Geschöpf herabließ und ihm Rede und Antwort stand.

Es ist denn auch so, dass derjenige, der meint, er wäre gar nicht geeignet – es also nicht wert – von Gott Trost zu empfangen, derjenige ist, der in der Tat am besten für diesen Trost geeignet ist. Spricht Gott nicht so: „In der Höhe und im Heiligtum wohne ich und bei dem, der zerschlagenen und gedemütigten Geistes ist, damit ich den Geist der Gedemütigten belebe und das Herz der Zerschlagenen erquicke.“ (Jes. 57,15). Der Herr sucht Sein verlorenes Schaf, holt zurück, was verjagt wurde aus Seiner Koppel, verbindet die verwundeten und gibt den Schwachen Seine Stärke, auch wenn diese sich gar nicht mehr wert fühlen, solche Gaben erhalten zu dürfen.

Wie ist es wohl Petrus ergangen, der immer mit dem Mundwerk vorne war und doch in der Nacht, da der Herr gefangen wurde, Ihn 3 Mal verriet? Er zog sich in einen Winkel zurück und weinte. Er war zutiefst getroffen und bereute, was er getan hatte und so war er am Morgen des Ostersonntag der Erste der am Grab war, nachdem die Frauen die absurde Geschichte Seiner Auferstehung erzählt hatten. Er wollte Seinem Herrn wieder nahe sein, so nahe wie vor dessen Tod. Er wusste, was er Ihm angetan hatte und wusste auch, dass nur von Ihm auch die Erlösung von dieser Schuld kommen konnte. Also suchte er den Herrn, auch wenn er erst einmal nicht glauben konnte, was die Frauen da erzählt hatten.

Und wie reagierte der Herr auf dieses Suchen? Er fragte Petrus 3 Mal nach dessen Liebe zu Ihm. Und Petrus konnte nicht anders antworten, als mit einem überquellenden und überaus trostbedürftigen Herzen. Er war bis in das Tiefste geknickt und bereit, sein Herz völlig dem Herrn zu öffnen.

So ist denn der Herr überaus reich an Trost und Barmherzigkeit. Ich weiß es nicht anders auszudrücken. Er überlässt das geknickte Rohr nicht sich selbst, auch wenn es lange geknickt ist und sich gegen den Trost wehrt.

Bist du untröstlich? So lasse dich trösten von dem, der für alles Trost hat, der abwischen wird alle Tränen, der die Quelle des Lebens ist und uns alles ist, was wir brauchen. Der nur Gutes vollbringt und unser Bestes im Sinn hat. Der überreich gibt, wo wir nur ein wenig wollen. Der aufrichtet, was zerschlagen ist. Der verbindet, was zusammen gehört. Der jedem der Weinstock ist, der sich an Ihn und Ihn allein hält.

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Über Michael Richter

https://jakobamjabbok.wordpress.com/2010/07/23/zur-person/

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