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Persönliches

3. August 2016

Was also ist das Problem mit meiner Sünde? Ich ekle mich nicht davor. Ich entschuldige sie vor meinem Gewissen. Ich erhebe sie zu etwas Harmlosem – ich verharmlose sie vor mir selbst. Ich hülle sie in etwas Gefälligeres. Wenn ich etwas begehre, suche – und finde! – ich Argumente, die die Sünde rechtfertigen. Das Prinzip bleibt: es schadet ja nichts. Wo aber ist Gottes Ehre? Wo ist meine Demut? Wo ist meine Buße?

Ich verhindere die echte Buße, indem ich mich vor mir selbst entschuldige, ja entschulde. Ich bin mein Richter und mein Anwalt. Ich sammle die guten Argumente und lasse Gnade vor Recht ergehen. Doch diese Gnade ist nicht nur eine falsche Gnade, sondern auch eine trügerische Gnade. Ich kann nicht Erhörung für Bitte und Dank erwarten, wenn ich nicht büße. Ich kann nicht Befreiung von der Sünde erwarten (oder wenigstens einen kleinen Sieg ‚zwischendurch‘), wenn ich selbst nichts dafür tue.

Wenn ich die Sünde ‚praktiziere‘, geschieht dies durch meinen Willen. Mein Wollen reagiert positiv auf die Versuchung der Welt. Ich richte meine Augen auf das Objekt der Begierde. Ich tue es, weil ich es will. Ich tue es aus freien Stücken. Kein Dämon sitzt auf meiner Schulter und flüstert mir ins Ohr, was ich tun soll. Es ist meine Begierde, die ich nicht unter die Herrschaft des Heiligen Geistes in mir stelle. Es ist meine Begierde, die gegen Gott aufbegehrt und sich ein Recht heraus nimmt, ein Bedürfnis zu befriedigen, dass es eigentlich gar nicht geben darf.

Mein Herr und mein Gott hat mir doch alles gegeben. Was mehr als das ewige Leben soll ich denn erwarten? Was mehr kann ich denn haben? Nach dem Tod kommt entweder das ewige Leben oder der ewige Tod. Da ist das Leben doch wohl die beste Alternative. Nicht nur, weil sie die einzige ist. Sondern weil sie wirklich die beste ist. Nicht die beste von zwei, sondern die beste von allen denkbaren. Ein Leben bei Gott, mit Gott, im Angesicht seiner Herrlichkeit, Ihn allein völlig zwanglos lobend in Ewigkeit. Voller Freude für den Rest meiner armseligen Existenz. Wie kann ich mich da nicht darauf freuen?

Es ist doch nur mein falsches Denken, mein verdrehtes Wollen, meine gar nicht so mühsam angeeignete Gewohnheit, die mich zurückhält, das Richtige zu tun. Ich kann mich auf gar keinen Fall vor Gott stellen und Ihn für meine Misere anklagen. Wenn es Seine Schuld wäre, würden Römer 8,28+29 und 1.Korinther 10,13 lügen. Würden sie lügen, wäre alles falsch in der Bibel. Dann gäbe es keine Gott.

Welchen Beweis für Gott halte ich ‚in Händen‘? Zuerst einmal meine Sorge um mein Seelenheil. Ja, diese ist auch angstbesetzt. Aber gegen diese Angst kämpft die Gewissheit der Hoffnung und gewinnt oft Oberhand. Dann gehe ich eben doch ins Gebet. Dann halte ich eben doch die Rituale, die ich für mein eigenes Leben eingesetzt habe, damit ich wenigstens einen Rahmen mit einigen (wenigen) guten Gewohnheiten habe, die den Herrn ehren.

Nicht mein ganzes Leben ist zur Ehre Gottes. Nicht all mein Denken unterwerfe ich Seiner Herrschaft. Nicht alles lege ich vor Ihn hin.

Doch ich will weiter kämpfen. Und das ist nicht meine Natur. Von Natur aus hätte ich es längst dran gegeben. Von Natur aus hätte ich mich der Welt ausgeliefert und mich in den Ruin getrieben. Von Natur aus hätte ich die Welt zu meinem Feind gemacht und mich an ihr gerächt. Doch nun ist die Rache des Herrn. Nun ist der Sieg des Herrn. Ein Sieg, der für mich ist. Ein Sieg, der am Ende meines Kampfes steht.

Das steht fest! Das ist gewiss! Das ist unumstößlich! Es ist wahrhaftig geschehen. Nur akzeptiere ich es nicht so, wie ich es könnte. Ich will etwas für mich behalten. Ich halte an etwas fest, dass nicht nur nicht zur Ehre Gottes ist, sondern auch mir selbst schadet.

Wenn ich an meinen Sorgen festhalte, raube ich mir selbst Zeit für Sinnvolleres. Wenn ich an meinen sündigen Gewohnheiten festhalte, raube ich mir selbst die Nähe zu Gott. Es ist meine Nähe zu Gott, nicht Seine Nähe zu mir. Er ist immer da und immer nah. Er geht nicht. Ich aber baue eine Mauer zwischen Ihm und mir. Eine Mauer eisigen Schweigens. Während Er redet, schweige ich. Ich antworte nicht auf Sein liebevolles Rufen. Ich antworte nicht auf Seine fürsorgliche Liebe. Ich lehne sie rundweg ab. Ich will nicht in Seinen Armen ruhen, sondern lieber meiner Sünde frönen. Frönen kommt von Fron(dienst) und meint, sich einem anderen zur Arbeit und zum Gehorsam zu verpflichten. Ich versklave mich selbst unter die Sünde, von deren Herrschaft mich Jesu Opfer am Kreuz doch schon befreit hat. Ich bleibe aber lieber in ihrem Herrschaftsbereich, als dass ich das alleingültige Opfer Christi annehme. Manch eine Sünde ist mir so lieb geworden, dass ich glaube, sie gar nicht mehr loswerden zu können.

Aber es ist völlig falsch zu sagen, ich kann die Sünde nicht loswerden, denn Gott ist allmächtig. Ich will sie nicht loswerden – das ist die richtige Aussage. Warum will ich es nicht? Weil ich Gott nicht soweit vertraue, dass Er sie mir wirklich vergeben würde. Ich habe sie zu oft getan; sie ist zu groß; sie ist zu schrecklich; sie ist doch eigentlich harmlos; sie tut doch keinem was.

Alles Unsinn! Es geht um die Reinheit der Beziehung zu Gott. Diese Reinheit kann ich nur erreichen, wenn ich Gott alles gebe. Fange ich doch mit meinen Sorgen an und sehe, was Er daraus macht.

Ich kann mich nicht selbst zur Buße zwingen und ich kann echte Reue auch nicht simulieren. Ich muss mich meiner Sünde stellen und sie betrachten. Ich muss sie in meinen Händen wiegen. Ich muss sie begutachten. Ich muss ihre Vorzüge untersuchen und ihre Nachteile erwägen. Ich muss ihr Versprechen mit dem Ergebnis vergleichen. Ich muss an der Sünde riechen, sie schmecken, sie fühlen und mich damit zu Gott umdrehen – in Sein Licht. Ich darf die Sünde nicht hinter meinem Rücken verstecken, sondern darf sie Gott zeigen. Ich darf Ihm den schmutzigsten Dreck aus meinem Leben geben, damit Er mich reinwäscht. Ich darf Ihm zeigen, was mich bedrückt. Und ich darf Ihm auch die Dinge zeigen, von denen ich meine, sie wären gut, damit Er sie in Seinem Licht läutert oder von mir abwäscht.

Was sind meine Bedenken? Wenn ich zehn Anzüge zur Auswahl habe, so bin ich des weißen nicht würdig, denn ich bin nicht rein von der Sünde. Schwarz ist die Farbe des Satans oder der Trauer. Grün deutet auf die Hoffnung, die ich mir nicht gönne. Blau steht mir gar nicht, Rot ist eine Signalfarbe und zieht die Blicke auf mich. Gelb ebenso. Orange erinnert an den Buddhismus, Lila ist irgendwie mit der Landeskirche verknüpft, Magenta mit einem gewissen Konzern in Bonn, Azur klingt nach französischem Luxus. Also bleibt mir nichts übrig und ich muss nackt bleiben.

Lässt Gott mir wirklich keine andere Wahl? Nimmt Er mir etwa jegliche Freude am Leben? Sollte Gott wirklich gesagt haben, dass ich auf jede Freude im Leben verzichten muss und ständig in Sack und Asche daher zu kommen habe? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Er jede Farbe reinwaschen kann von ihrer verdrehten, irdischen Bedeutung und ich mir dann nach Herzenslust den Anzug raussuchen kann, der mir gerade gefällt? Gibt es vielleicht sogar noch andere, noch mehr Farben im Freudenspektrum meines Herrn? Hat Er mir mit Seinem Sohn nicht alles gegeben? Die Kindschaft, das Erbe des Himmelreiches? Was sind denn dagegen die irdischen Genüsse? Kurz und vergänglich. Haschen nach Wind. Gerade erreicht, schon wieder weg.

Ist es nicht so, dass ich mich auf die neue Bohrmaschine freue und sie dann gerne benutze, weil sie so butterweich in den Beton geht? Aber irgendwann nimmt man es für selbstverständlich hin – bis der Bohrer mal stecken bleibt und dann verflucht man diese Drecksmaschine aus dem Hause Sowieso.

Wo bleibt also die Freude an den weltlichen Dingen? Sie machen Arbeit und Mühe und mehren unserer Sorgen. Mehr Geld, mehr Nöte. Mehr Haus, mehr Arbeit. Mehr Kinder, mehr Sorgen – oh, ja, so ist es doch, oder? Aber Kinder sind doch ein Segen! Nur wegen unserer Unfähigkeit, Gott zu gehorchen, sehen wir auch unsere Kinder als Sorgenkinder, statt sie demütig aus den Händen des Vaters zu nehmen, der dann auch uns alles gibt, was wir diesen Kindern geben sollen.

Vergebung bewirkt Demut, weil echte Vergebung die Demütigung vor der Allmacht des Herrn bedeutet. Ich erlange diese Vergebung nur, wenn ich mein Leben dem Herrn darlege und ich Ihn an jede Stelle meines verdrehten Herzens lasse, damit Er den Meißel Seiner göttlichen Liebe daran anlegt und es von jedem Unrat säubert. Ich kann nur vergeben, wenn ich selbst Vergebung erlangt habe. Ich kann Menschen nur um Vergebung bitten, wenn ich es ernst meine. Ansonsten bleibt es bei Lippenbekenntnissen. Und die führen ins Ungewisse.

Eine Fahrt abseits der Straße zur Glückseligkeit. Eine Fahrt in die Burg des Riesen der Verzweiflung. Eine Fahrt weg von Gott. Eine Fahrt, die auf breiter Straße beginnt und in der Wüse endet. Im Elend der eigenen Begierden.

Ich habe keine Bedürfnisse, die zu Rechten werden, weil der Herr mir alles gibt, dessen ich bedarf – und weit darüber hinaus. Denn Er ist ein gnädiger Herr und mein Becher fließt über von Seiner Gnade. Ich brauche Seine Erlösung, Seine Vergebung und Seine Liebe. Dafür darf ich Ihn allein anbeten und lernen, wie ich anderen Menschen diene und sie liebe. Doch allein schaffe ich das nicht, und daher brauche ich Seine tägliche Führung und Seine allumfassende, grenzenlose Liebe.

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Über Michael Richter

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